Der feine Unterschied zwischen Stress und Überforderung
- Denise Tollkamp

- 4. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Sie kommen aus einem langen Tag. Der Kalender war voll, die Mails stapeln sich, das Gespräch mit dem Kollegen hat Energie gekostet. Sie sind müde – aber irgendwie ist da noch etwas anderes. Etwas, das schwerer sitzt als normale Erschöpfung.
Viele Menschen nennen das Stress. Und meinen eigentlich etwas anderes.

Stress ist nicht das Problem
Stress hat einen schlechten Ruf. Dabei ist er zunächst einmal nichts anderes als eine biologische Reaktion auf Anforderungen. Ihr Körper mobilisiert Ressourcen, Ihr Gehirn schaltet in einen anderen Modus, Sie werden fokussierter, schneller, handlungsfähiger.
Stress ist, wenn die Präsentation morgen früh ist und Sie heute Abend noch die letzten Folien fertigstellen. Stress ist, wenn fünf Dinge gleichzeitig auf Ihre Aufmerksamkeit warten und Sie eines nach dem anderen abarbeiten.
Stress ist anstrengend. Aber er hat ein Ende. Und nach diesem Ende fühlen Sie sich – wenn auch erschöpft – meistens auch irgendwie lebendig. Weil Sie etwas geschafft haben.
Überforderung ist etwas anderes
Überforderung beginnt dort, wo Stress aufhört aufzuhören.
Es ist nicht die Menge der Aufgaben. Es ist das Gefühl, dass die Menge der Aufgaben nie weniger wird. Dass Sie schneller laufen, aber der Abstand zum Ziel größer statt kleiner wird. Dass Sie funktionieren – aber nicht mehr wissen, warum eigentlich.
Überforderung fühlt sich nicht wie Anspannung an. Sie fühlt sich wie Taubheit an. Wie Leere hinter der Geschäftigkeit. Wie ein leises, anhaltende Summen im Hintergrund, das Sie nie ganz loslässt – nicht am Abend, nicht am Wochenende, nicht im Urlaub.
Menschen, die überfordert sind, sagen oft:
„Ich weiß eigentlich nicht, was los ist. Es ist nicht so, dass ich krank bin. Ich funktioniere ja noch."
Genau das ist das Tückische an Überforderung. Sie sieht von außen oft genauso aus wie Leistung.
Drei Fragen, die den Unterschied zeigen
Ich stelle meinen Klientinnen und Klienten manchmal drei einfache Fragen – nicht um eine Diagnose zu stellen, sondern um gemeinsam zu schauen, wo sie gerade wirklich stehen.
Frage 1: Gibt es ein Ende?
Stress hat einen Horizont. Sie wissen: Wenn dieses Projekt abgeschlossen ist, dieser Monat vorbei ist, diese Phase überstanden ist – dann wird es besser. Bei Überforderung fehlt dieser Horizont. Die Erschöpfung ist nicht an ein Ereignis geknüpft. Sie ist einfach da.
Frage 2: Erholt Sie Erholung noch?
Ein freier Samstag, ein Spaziergang, ein Abend ohne Bildschirm – fühlen Sie sich danach besser? Oder genau gleich? Stress weicht echter Erholung. Überforderung nicht. Sie schlafen aus und wachen erschöpft auf. Sie machen Urlaub und kehren erschöpft zurück.
Frage 3: Wissen Sie noch, was Sie wollen?
Das ist vielleicht die ehrlichste Frage. Menschen unter normalem Stress wissen noch, wohin sie wollen – sie kommen nur gerade nicht hin. Menschen in echter Überforderung haben oft den Faden verloren. Nicht nur zum Ziel, sondern zu sich selbst.
Warum der Unterschied wichtig ist
Weil die Antwort auf Stress eine andere ist als die Antwort auf Überforderung.
Stress braucht Struktur, Priorisierung, manchmal einfach ein Ende. Überforderung braucht etwas Tieferes: einen ehrlichen Blick darauf, was Sie trägt – und was Sie schon lange zu viel trägt.
Überforderung entsteht selten über Nacht. Sie wächst langsam, oft unbemerkt, in kleinen täglichen Kompromissen. In dem Ja, das eigentlich ein Nein war. In der Pause, die Sie sich nicht genommen haben. In der Rolle, die irgendwann zu eng geworden ist, ohne dass Sie es bewusst bemerkt haben.
Das zu erkennen ist kein Versagen. Es ist der erste Schritt.
Was jetzt?
Wenn Sie sich beim Lesen dieses Artikels erkannt haben – in einem Satz, in einer Frage, in einem Gefühl – dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Nicht weil etwas falsch mit Ihnen ist. Sondern weil Sie es verdient haben zu wissen, wie es Ihnen wirklich geht.
Und weil sich manches mit einem guten Gespräch schon deutlich lichtet.
Ich begleite Menschen genau an diesem Punkt – im Coaching, auf Wunsch auch beim Gehen in der Natur.
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