Klassensprung - ja oder nein?


Enrichment und Akzeleration sind die beiden Säulen der Hochbegabtenförderung. Mit Akzeleration ist das schnellere Durchlaufen der Schulzeit gemeint, welches durch ein früheres Einschulen und/oder durch Klassensprünge erreicht wird. In diesem Beitrag geht es mir um den Klassensprung.
Die meisten Fachkräfte sind sich einig, dass ein Klassensprung ein gutes Mittel ist, hochbegabte Kinder aus der Unterforderung zu holen. Die Gefühle bei Eltern sind eher gemischt, sie machen sich Sorgen, ob das Kind dann nicht überfordert ist und seine Freunde verliert.
Hochbegabte Kinder können von Klassensprüngen profitieren. Sie bringen einige Merkmale mit, die beim Klassensprung helfen können: Sie
… haben eine ausdrucksvolle, ausgearbeitete und flüssige Sprache.
… sind sehr selbstständig.
… haben eine schnelle Auffassungsgabe und Merkfähigkeit
… können Logik schnell erkennen
Ihre Arbeitshaltung und Interessen sind insbesondere gekennzeichnet durch
… intensive Beschäftigung mit Problemstellungen
… schnelles Erfassen von Zusammenhängen
… weniger Wiederholungen
… unabhängiges und selbständiges Arbeiten
All diese Merkmale führen dazu, dass Hochbegabte schneller und effektiver lernen können als andere.
Wie sieht es mit dieser Kompetenz in der Praxis aus? Trotz des Wissens um ihre Schnelligkeit, erwarten Lehrkräfte (und auch oft die Eltern), dass
… sie abwarten, bis die anderen fertig sind
… sie Wiederholungen absolvieren, die für sie sinnlos sind
… trotz gähnender Langeweile bei der Stange bleiben
… immer alle Aufgaben Fehlerfrei erledigen
Was macht das mit einem Kind, welches in einer Umgebung lernen soll, welches nicht seinen Bedürfnissen und seinem Tempo entspricht? Das Kind „lernt“ dort
Selbstzweifel
Schulunlust, bis hin zur Verweigerung
Aggression gegen sich oder andere
Perfektionismus
Kopf- und Bauchschmerzen
Kinder dürfen und müssen in der Schule neben den klassischen Kompetenzen Lesen, Rechnen und Schreiben auch lernen, sich anzustrengen. Sie brauchen Anstrengungsbereitschaft, um Erfolge zu haben. Wer sich für eine Aufgabe anstrengt, hat ein Erfolgserlebnis! Ich habe hierzu bereits einen anderen Blogartikel geschrieben.
Zum Erfolg gehört aber auch das Scheitern! Auch mal nicht sofort alles zu schaffen, will und darf gelernt sein. Zu lernen, dass die Welt nicht untergeht, wenn man nicht auf Anhieb etwas schafft. Und dennoch zuversichtlich bleiben und an seine eigenen Stärken glauben und darauf vertrauen, dass es beim nächsten Mal besser klappt.
Wie soll das erreicht werden, wenn die Aufgaben nie eine Herausforderung darstellen, gehorsamer Gleichschritt erwartet wird und das hochbegabte Kind ständig mit angezogener Handbremse den Schultag über sich ergehen lässt??
Viele der Kinder kommen damit erst einmal halbwegs durch die Grundschule. „Sei brav, und tue, was die Lehrer dir sagen“ ist das Mantra, welches sich vom ersten Schultag an jeden Morgen zum Abschiedsgruß begleitet. Welche Wahl hat ein sich langweilendes Kind in der Schule, wenn es nicht gesehen wird? Die einen träumen sich weg, die anderen mutieren zum Klassenclown. Andere werden laut und aggressiv und wieder andere werden ganz leise ganz laut – insbesondere hochbegabte Mädchen wählen oft den Weg der falschen Bescheidenheit.
Hier darf auch gerne mal gefragt werden, warum z.B. Mädchen ungern ihr mathematisches Talent zeigen. Oft stecken noch alte Glaubenssätze in den Köpfen „Mathe ist nichts für Mädchen“.
Jungens tun sich leichter damit, ihr Talent und – wenn es sein muss – ihren Unmut nach außen zu tragen. Das hat immerhin einen Vorteil: Rastet ein bisher eher friedlicher Junge plötzlich scheinbar grundlos und wiederholt aus, muss was im Argen liegen! Denn ein Kind, was Probleme macht, hat in der Regel welche. Also wird Ursachenforschung betrieben, was dazu führt, dass hochbegabte Jungen öfter getestet werden als Mädchen.
Tendenziell! Natürlich gibt es auch ruhige Jungs und laute Mädchen, aber überwiegend trifft das oben geschriebene zu.
Nach der eher ruhigen Zeit auf der Grundschule tauchen weitere Probleme auf – das Kind hat nie gelernt zu lernen und steht auf der weiterführenden Schule vor der Herausforderung, dass es lernen muss. Vokabeln einer Fremdsprache müssen gelernt werden, anders geht es nicht. Was bedeutet das für ein Kind, welchem bisher alles ohne jegliche Mühe zugeflogen ist? Es sieht zum ersten Mal, dass es etwas nicht kann. Logische Schlussfolgerung in den kleinen Köpfen ist, dass sie denken, sie sind dumm.
Weiterführende Schule heißt Teenager, heißt Pubertät, heißt emotionale Instabilität. Zu dem eh schon altersgerechten Chaos im Kopf kommt das Gefühl, nicht zu passen, anders zu sein. Was aber auch seit Jahren nicht passt, ist das Umfeld. Seit jeher fühlt sich das Kind irgendwie anders, als Alien auf einem falschen Planeten.
Soweit zu den Problemen, die bis zum Teenageralter auftreten können. Führt man es weiter aus bis ins Erwachsenenleben, sind tiefe Sinnkrisen bis hin zu Depressionen nicht selten.
Nun aber erst einmal zu den Punkten, welche beim Überspringen einer Klasse beachtet werden sollten.
Gerne übernehme ich hier folgenden Auszug von Dr. Annette Heinbokel:
aus: Heinbokel, Annette (2009). Handbuch Akzeleration – Was Hochbegabten nützt, LIT Verlag, Münster, S. 160-163 Dr. Annette Heinbokel, Empfehlungen für das Überspringen einer Klasse
1. Schülerinnen oder Schüler, die für das Überspringen einer Klasse vorgeschlagen werden, sollten von ihren intellektuellen Voraussetzungen her im oberen Bereich der aufnehmenden Klasse liegen. In der Grundschule geben in den ersten beiden Schuljahren die Leistungsbeurteilungen einen ersten Hinweis, in den folgenden Jahren sind es Noten. Noch wichtiger aber sind Arbeitshaltung und die Motivation, mehr arbeiten und schneller vorankommen zu wollen. Besteht Unsicherheit, ob die Begabung für das Überspringen ausreicht, sollte ein Intelligenztest durchgeführt werden.
2. Zeigen die Schülerinnen nur in einem Bereich unterdurchschnittliche Leistungen im Vergleich zur aufnehmenden Klasse, können die Defizite durch Unterstützung aufgefangen werden. Wenn jedoch die überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Motivation nur in einem Fach deutlich werden, dann sind fachbezogene Akzeleration bzw. Enrichment oder außerschulische Förderung vorzuziehen. - Es kann sein, dass hochbegabte Schülerinnen und Schüler in den ersten Schuljahren noch hoch motiviert waren und sehr gute Leistungen zeigten, dass sich aber beides im Laufe der Jahre durch Demotivation und Unterforderung negativ entwickelt hat. Die hohe Leistungsfähigkeit kann in individuellen Intelligenztests immer noch zum Ausdruck kommen. Dann kann das Überspringen einer Klasse trotz schlechter Noten eine Lösung sein, um ein Kind bzw. einen Jugendlichen wieder zu motivieren. Dass in so einem Fall besonders sorgfältig überlegt werden muss, ist selbstverständlich.
3. Lehrkräfte sind trotz guter und sogar sehr guter Leistungen manchmal unnötig pessimistisch in Bezug auf die „emotional-soziale Reife“ der Kinder oder Jugendlichen. Bei Hochbegabten verwechseln sie möglicherweise schlechtes Benehmen, das von der Unzufriedenheit mit unangemessenen Lern- und sozialen Bedingungen stammt, mit Unreife oder Verhaltensstörungen. Falls es Bedenken in Bezug auf der emotional-sozialen Reife gibt, sollte bei der Beurteilung deshalb das Wissen der Eltern, einer Fachkraft, die mit Hochbegabten und dem Überspringen von Klassen Erfahrungen hat und / oder einer erfahrenen Diplompsychologin / eines erfahrenen Diplompsychologen mit einbezogen werden.
4. Die Schülerinnen oder Schüler sollten in der Regel keine ernsthaften emotionalen und sozialen Probleme haben. Außerdem sollten sie Durchhaltevermögen und hohe Motivation zeigen. Falls Probleme jedoch durch vorhergehende - lang anhaltende - Unterforderung bzw. durch den Mangel an entwicklungsgleichen Freundinnen und Freunden verursacht wurden, können sie durch Akzeleration behoben werden.
5. Die Körpergröße sollte nur insofern in Betracht gezogen werden, als das Kind sehr an Mannschaftssport interessiert ist und später sportliche Wettbewerbe eine Rolle spielen könnten. Sie ist für sich allein kein Grund, auf das Überspringen zu verzichten.
6. Es sollte so weit wie möglich sichergestellt werden, dass die Schülerinnen oder Schüler nicht unter Druck gesetzt werden zu springen. Wenn allerdings alle verantwortlichen Erwachsenen das Überspringen für richtig halten, die Kinder aber sehr zögerlich sind, könnten sie überzeugt werden, sich die höhere Klasse eine Zeit lang anzusehen. Der Zeitraum kann flexibel gehandhabt werden und hängt davon ab, wann das Überspringen angedacht wird: bis zu den Ferien / Ende des Monats / zum nächsten Test. Es muss klar sein, dass nach dieser Probezeit die Entscheidung des Kindes sowohl für als auch gegen das Überspringen akzeptiert wird. Mit diesem „Überreden“ sollte allerdings sehr vorsichtig umgegangen werden. Die Eltern sollten dem Springen positiv gegenüberstehen, aber die Schülerinnen oder Schüler müssen es selbst wollen, sie sollten die letzte Entscheidung treffen. Das gilt auch schon für die Grundschule.
7. Die abgebenden, aber vor allem die aufnehmenden Lehrkräfte sollten dem Springen positiv gegenüberstehen und bereit sein, den Schülerinnen oder Schülern bei der Eingewöhnung und der Aufarbeitung von Stoff zu helfen. Sie sollten Informationen geben, welcher Stoff wie aufgeholt werden kann, Arbeitsblätter und / oder alte Klassenarbeiten bereithalten und Informationen über Bücher geben, mit denen die Kinder selbständig Stoff aufholen können. Sind die aufnehmenden Lehrkräfte ablehnend oder pessimistisch, sollte überlegt werden, ob sich das Springen zeitlich auf einen späteren Zeitpunkt verschieben lässt, ob eine Parallelklasse gefunden werden kann, oder ob es notwendig ist, die Schule zu wechseln.
8. Der beste Zeitpunkt für das Springen sowohl im Laufe der Schulzeit als auch im Laufe des Schuljahres ist, wenn die Unterforderung so deutlich wird, dass das Springen als sinnvolle Alternative erscheint. Eine grundsätzliche Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt, insbesondere dann, wenn er mehr als sechs Monate in der Zukunft liegt und keine angemessene Alternative im Rahmen von Enrichment gegeben ist, ist demotivierend und fördert weder die Lernbereitschaft noch das Sozialverhalten, sondern in erster Linie Schulmüdigkeit.
9. Die aufnehmenden Lehrkräfte sollten informiert werden oder sich selber informieren, wo die Schülerinnen oder Schüler besondere Bedürfnisse oder Wissenslücken haben. Auch die Mitschülerinnen und Mitschüler, u. U. auch die Eltern, der aufnehmende Klasse sollten rechtzeitig von der Klassenlehrerin auf angemessene Weise informiert werden, damit diejenigen, die überspringen, als „Neue“ akzeptiert werden. Das Kind sollte für die erste Zeit eine Partnerin oder einen Partner an die Seite bekommen, die bei der Eingewöhnung helfen und unterstützen. Sie / er sollte selbst einen hohen Status in der Klasse haben, damit der sich auf das neue Kind oder den Jugendlichen übertragen kann.
10. Jedes Springen sollte probeweise stattfinden. In einigen Bundesländern gibt es eine Übergangszeit von mehreren Monaten, aber meistens ist nach etwa 3 Wochen klar, ob das Kind bleiben will. Das bedeutet natürlich nicht, dass dann schon der gesamte Stoff aufgeholt sein muss, aber dann ist klar, wo sie schon mithalten können und wo sie noch arbeiten müssen. Die Schülerinnen und Schüler sollten wissen, dass sie während der Probezeit jederzeit in die alte Klasse zurückdürfen. Erfahrungsgemäß besteht der Wunsch danach allerdings selten. Eine Lehrkraft sollte für die gesamte Übergangszeit für Gespräche und Beratung zur Verfügung stehen.
11. Es sollte darauf geachtet werden, dass mit dem Springen nicht zu viele Erwartungen verbunden werden. Die Schülerinnen oder Schüler sollten nicht das Gefühl bekommen, dass sie versagt haben, wenn sie wieder zurückgehen oder die Noten nicht mehr ganz so gut sind wie vorher. Andererseits verläuft die intellektuelle Entwicklung einiger Hochbegabter so rasant, dass sie nach kürzerer oder längerer Zeit nach dem Springen wieder unterfordert sein können. Dann sind zusätzliche (innere oder äußere differenzierende oder außerschulische) Angebote oder auch wiederholte Akzeleration notwendig.
12. Die Entscheidung über das Springen sollte auf Fakten und nicht auf Mythen beruhen. Die Forschungsliteratur zeigt, dass Akzeleration zur Verbesserung der Motivation, zum emotionalen Wohlbefinden und dadurch auch zu den Leistungen beitragen kann. Es wurden keine generellen negativen Effekte in Bezug auf die soziale und emotionale Entwicklung gefunden. Falls es Eingewöhnungsprobleme gibt, sind sie in der Regel gering und kurzfristig. Wird dagegen das Überspringen ohne wirklich überzeugende, sachliche Gründe und gegen den Wunsch der Schülerinnen oder Schüler abgelehnt, kann das zu einer schlechten Arbeitshaltung, Apathie, mangelnder Motivation, Fehlanpassung und zu schlechten schulischen Leistungen führen.
Was sind – neben der zumindest vorerst bereinigten Unterforderung positive Nebenwirkungen eines Klassensprungs?
☺ (mindestens) ein Schuljahr wird gespart.
☺ Sie lernen sich anzustrengen.
☺ Die Erfahrung mit Misserfolgen umzugehen.
☺ Sich auf neue Situationen einlassen.
☺ Alte Freundschaften pflegen und neue aufbauen.
☺ Idealerweise lernen sie zu lernen durch Lerntechniken.
☺ Sie bauen ihr Selbstbewusstsein auf.
Soweit die Theorie. Wie sieht es denn in der Praxis aus? Auf welche Faktoren sollte geachtet werden?
Eltern und Lehrer wollen die Kleinen beschützen. Es werden Körpergröße und Altersunterschiede als Gegenargumente gebracht. Und die Aufgaben in der höheren Klasse sind zu schwierig, das Kind wird heillos überfordert sein. Dass alles noch mit unausgereiftem Sozialverhalten…
In jeder Klasse gibt es Kinder, die älter, aber kleiner sind. Sollen wir jetzt die Versetzung von Kindern von der Körpergröße abhängig machen? Soll ein Kind nicht eingeschult werden, weil es kleiner ist als andere? Nach meiner Erfahrung neigen hochbegabte Kinder eher dazu, mit älteren Kindern spielen zu wollen. Oft sieht man sie auch bei Erziehern/Lehrern stehen, wenn gerade keine andren Kinder greifbar sind.
Was den Schulstoff angeht: Wenn ein Kind der 2. Klasse bereits vollumfänglich den Stoff der 3. Klasse kann, hat es auch dort nichts verloren. Dann muss es in die 4. Klasse. Das Kind soll ja Herausforderungen lernen, lernen, sich anzustrengen und ggf. auch einfach mal lernen, dass nicht alles sofort funktioniert. Das genau ist doch Sinn der ganzen Sache. Manche denken, das Kind müsse bei einem Klassensprung sofort alle Arbeitshefte aufholen, damit es am besten sofort alles der neuen Klassen kann. Genau so sollte es eben nicht sein!
Gerne auch hier noch mal ein Auszug von Dr. Annette Heinbokel:
Dr. Annette Heinbokel hat mal ein wunderbares Beispiel gewählt, welches ich gerne teilen möchte:
„Vielleicht hilft den Lehrkräften folgende Vorstellung: Behandelt ein Kind, das springt, wie eines, das aus einem anderen Bundesland oder auch aus dem Ausland zuzieht. Es kann auf demselben Leistungsstand sein wie die aufnehmende Klasse, es kann aber auch in einigen oder in allen Fächern weiter sein oder den Stoff noch nicht beherrschen. Das kann an anderen Lehrplänen liegen, das Leistungsniveau kann insgesamt höher oder niedriger gewesen sein, es kann daran liegen, dass Unterricht – im Vergleich zur aufnehmenden Klasse – stattfand oder wegen Lehrermangels ausfiel. In jedem Fall wird jede einzelne Lehrkraft feststellen, ob es dem Unterricht in ihrem Fach folgen kann oder noch Stoff aufholen muss. Eines ist auf jeden Fall anders als bei durchschnittlich begabten Kindern, die zuziehen: Die potenziellen SpringerInnen können außerordentlich schnell neuen Stoff aufnehmen und verarbeiten, wenn sie motiviert sind. Und das sind sie in der Regel, wenn sie in die Entscheidung einbezogen waren. Einige bezeichneten als Erwachsene die Zeit des Aufholens nach dem Überspringen als die schönste Zeit in der Schule: Zum ersten und vielleicht zum einzigen Mal durften sie geistig rennen, anstatt zu schleichen.
Soweit es die sozialen Beziehungen betrifft: Hochbegabte haben häufig ältere Freundinnen und Freunde, weil sie von der Entwicklung besser zueinander passen. In erster Linie müssen die Köpfe zueinander passen, nicht ein ähnliches Geburtsjahr oder die Körpergröße. Gerade die Körpergröße ist ein wichtiges Kriterium, aber nicht das Wichtigste. Kinder mit Zwergwuchs werden auch nicht ihr Leben in der Grundschule verbringen, weil die Körpergröße passt.
„Akzeleration ist eines der kuriosesten Phänomene im Bildungsbereich. Ich kenne kein anderes Thema, das so einen breiten Graben zwischen Forschungsergebnissen und allgemeinen Überzeugungen aufwirft. Die Akzelerationsforschung ist so einhellig positiv, die Vorteile der richtigen Akzeleration so eindeutig, dass es nur schwer nachvollziehbar ist, wie sich Pädagogen dagegen sträuben können“ (Borland James H. (1989). Teachers College, Columbia University, Planning and Implementing Programs for the Gifted, S. 185).“
Also ist ein Klassensprung immer DAS Allheilmittel?
Es kommt drauf an. Jedes Kind ist anders – egal, ob hochbegabt oder nicht. Natürlich sollte bei jedem Kind individuell geprüft werden, welche Möglichkeiten es gibt.
Wichtig finde ich, dass alle Parteien für alle Wege erst einmal offen sind. Die Sorgen der Eltern sind verständlich, aber oft unbegründet, häufig werden auch eigene Ängste auf das Kind übertragen.
Lehrer, Eltern und Kind sollten gemeinsam über Möglichkeiten sprechen. Auf keinen Fall sollte so eine Entscheidung über den Kopf des Kindes getroffen werden!
Alle Beteiligten sollten an einem Strang ziehen. Lehrer der aufnehmenden und abgebenden Klasse müssen eingebunden werden. Die neuen Lehrer können am besten beurteilen, wo das Kind steht und ob Lücken ggf. anderweitig aufgefüllt werden müssen. Wenn in der Grundschule früh gesprungen wird, fehlt es vielleicht an motorischer Fähigkeit zu schreiben oder der sog. Füllerführerschein wurde nicht gemacht.
Je nach Umfeld und Zusammensetzung aller Beteiligten kann es ratsam sein, einen externen Dritten hinzuzuziehen, der die Situation völlig unvoreingenommen betrachtet und somit sämtliche Ideen einbringen kann.
Wie kann man einem Kind den Klassensprung erleichtern, wenn es sich nicht traut?
Nichts ist in Stein gemeißelt – es können Probezeiten/Schnuppertage vereinbart werden. Wenn das Kind nach z.B. 2 Wochen (Zeitraum beliebig) nicht ankommt, kann man über andere Möglichkeiten reden und/oder das Kind wieder in die alte Klasse lassen.
Die Kinder sind sich alles zumindest vom Pausenhof nicht fremd. Dennoch ist den Kindern manchmal mulmig, wenn sie in die neue Klasse kommen und alle Augen sind nur auf das eine Kind gerichtet – was im Übrigen allen Kindern so geht, die z.B. aufgrund eines Umzugs die Schule wechseln.
Wenn der beste Freund vermisst wird, können die zwei sich in der Mittagsbetreuung sehen und gemeinsam etwas machen.
Es gibt nicht DEN Klassensprung, der sich an ein festes Protokoll halten muss. Was ist für das Kind die geeignetste Variante? Stehen alle anderen dem Kind bei dieser Variante zur Seite? Dann ist DAS der Klassensprung für DAS Kind.
Uns sagten damals viele Leute, dass die Probleme so richtig groß werden, wenn die Kids in die Pubertät kommen. Alle anderen sind locker 1-2 Jahre älter, haben Mädchen und Alkohol im Kopf und dann geht es los mit den Diskussionen, was erlaubt ist und was nicht.
Mag sein – aber darüber machen wir uns erst Gedanken, wenn es so weit ist. Vielleicht hat er auch gar keine Lust, sich die Nächte in der Disko um die Ohren zu hauen, vielleicht gehen die Freunde auch weiterhin gerne ins Kino. Manchmal ist es mit den Sorgen wie mit Pflastern. Ich klebe auch kein Pflaster auf, bevor ich mich verletzt habe.



"Die Akzelerationsforschung ist so einhellig positiv, die Vorteile der richtigen Akzeleration so eindeutig, dass es nur schwer nachvollziehbar ist, wie sich Pädagogen dagegen sträuben können“ Das ist schon sehr interessant – weil ich mich frage, wieso die Akzeleration überhaupt so positiv dargestellt wird. Meinem Sohn wurde in der ersten Klasse zum Überspringen geraten. Seitdem war nichts mehr, wie es war. Mobbing, Schulunlust, Verlust der Lesefreude und eine sehr schwere Zeit folgten. Die Schule weigerte sich hartnäckig, das Kind wieder zurückzustufen. Und das obwohl die Gründe offengelegt wurden. Wo tauchen solche Fälle auf? Gehalten im Klassensprung wider Willen des Kindes und der Eltern? Einen Schulwechsel konnten wir inzwischen durchsetzen. Das Kind ist immer noch nicht zurückgestuft.