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Was sich Eltern hochbegabter Kinder von Lehrkräften wünschen

Autorenbild: Denise Tollkamp
Denise Tollkamp
15. Okt.
5 Min. Lesezeit

Ein Brief – aus der Coaching-Praxis, nicht aus dem Lehrerzimmer


Ich bin keine Lehrerin. Das möchte ich gleich zu Beginn klarstellen.

Ich bin Coach. Ich sitze häufig mit Eltern zusammen, die kämpfen. Mit der Schule, mit dem System, manchmal mit sich selbst.


Und ich höre - immer wieder, in unterschiedlichen Worten, aber mit dem gleichen Schmerz dahinter – was sich diese Eltern von den Menschen wünschen, die täglich mit ihrem Kind zusammen sind.


Dieser Beitrag ist kein Vorwurf. Er ist keine Kritik an Lehrkräften. Er ist eine Einladung zum Verstehen, was auf der anderen Seite des Elterngesprächs passiert. Und vielleicht auch eine kleine Brücke, die helfen kann, das Gespräch leichter zu machen. Für beide Seiten.


Was Eltern täglich tragen – bevor sie ins Gespräch kommen

Wenn eine Mutter oder ein Vater zu einem Elterngespräch erscheint, hat die Familie oft schon einen langen Weg hinter sich. Nicht nur heute Morgen, sondern insgesamt.


Eltern hochbegabter Kinder kämpfen wie alle Eltern fpr ihr Kind. Sie kämpfen dafür, dass ihr Kind überhaupt ernst genommen wird. Bevor sie aber über das eigentliche Problem sprechen können, müssen sie erst erklären, warum ein kluges Kind überhaupt Probleme haben kann. Das ist erschöpfend.


Dazu kommen Schuldgefühle. Die Frage, ob sie übertreiben. Der Satz, den sie schon zu oft gehört haben: „Ihr Kind ist doch so klug, was soll das Problem sein?"


Wenn also jemand gereizt ins Gespräch kommt, defensiv oder mit zu vielen Worten, dann liegt das oft nicht an bösem Willen. Es liegt daran, dass diese Person schon sehr lange kämpft. Und heute einfach wieder kämpfen muss. Das Kind wieder erklären muss. Merkmale erklären und Mythen auflösen muss. Alles Dinge, die sich die Familie selbst angeeignet hat, weil es wenig Unterstützung gegeben hat.


Was Lehrkräfte sehen – und was oft dahintersteckt

Ich erlebe in meiner Arbeit, dass die meisten Missverständnisse zwischen Eltern und Lehrkräften nicht aus Böswilligkeit entstehen. Sie entstehen, weil beide Seiten dasselbe Kind sehen und trotzdem zwei völlig verschiedene Realitäten wahrnehmen.


Die Lehrkraft sieht ein Kind, das träumt, das stört, diskutiert, sich weigert. Das nie fertig ist oder viel zu schnell. Das nicht zuhört oder zu viel redet. Das emotional aus der Bahn geworfen wird von Dingen, die anderen Kindern nichts ausmachen.


Eltern sehen: ein unterfordertes Gehirn, das sich seine eigene Stimulation sucht. Ein Kind, das Regeln hinterfragt, weil es Sinn braucht, nicht weil es Autorität ablehnt. Ein Kind, das so schnell denkt, dass die Hand nicht mitkommt und deshalb Flüchtigkeitsfehler macht. Ein Kind, das intensiver fühlt als andere – nicht weil es sich nicht kontrollieren kann, sondern weil es alles stärker wahrnimmt.


Keiner von beiden hat unrecht. Aber solange diese zwei Bilder nicht zusammenkommen, reden beide aneinander vorbei.


Zwei Frauen, eine Mutter und eine Lehrerin, sprechen freundlich am Tisch im sonnigen Büro, mit Büchern und offenem Heft vor dem Fenster.

Was Eltern sich im Gespräch wünschen

Wenn ich Eltern frage, was sie sich von Lehrkräften wünschen, kommen fast immer dieselben Antworten. Keine großen Forderungen. Keine aufwendigen Sonderprogramme. Meistens sind es kleine Dinge.


Gehört werden, bevor eine Meinung gebildet wird.

Der häufigste Wunsch, den ich höre, ist dieser: „Ich möchte, dass mir jemand zuhört – bevor er mir sagt, was er denkt." Eltern hochbegabter Kinder haben oft das Gefühl, dass ihre Beobachtungen nicht ernst genommen werden. Dass sie als übertrieben oder überbesorgt gelten. Ein Gespräch, das wirklich mit Zuhören beginnt und nicht mit einer bereits fertigen Einschätzung macht einen riesigen Unterschied.


Das Kind nicht auf sein Verhalten reduzieren.

„Stört den Unterricht" ist eine Beobachtung. Aber es ist noch keine Erklärung. Eltern wünschen sich, dass Lehrkräfte neugierig werden: Was steckt hinter diesem Verhalten? Was braucht dieses Kind, das es gerade nicht bekommt? Diese eine Frage – ehrlich gestellt – verändert die gesamte Dynamik eines Gesprächs.


Gemeinsam denken statt gegeneinander.

Viele Eltern erleben Elterngespräche als konfrontativ. Als würden sie ihr Kind verteidigen müssen, anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Was sie sich wünschen, ist das Gefühl: Wir sitzen auf derselben Seite. Wir wollen beide, dass es diesem Kind gut geht.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber oft nicht.


Konkrete Vereinbarungen, die eingehalten werden.

Ein Gespräch, das endet ohne klare nächste Schritte, hinterlässt Eltern ratlos. Und ein Gespräch, dessen Ergebnisse beim nächsten Termin nicht mehr bekannt sind, hinterlässt sie erschöpft. Kleine Konkretheit – wer macht was bis wann – ist oft mehr wert als ein langes, wohlwollendes Gespräch ohne Ergebnis.


Was einen Unterschied macht – ohne Mehraufwand

Ich weiß, dass Lehrkräfte unter enormem Druck stehen. 25 bis 30 Kinder gleichzeitig, volle Stundenpläne, administrative Last. Es wäre unehrlich, so zu tun, als könnte jedes hochbegabte Kind einfach individuell gefördert werden, wenn die Rahmenbedingungen das nicht hergeben.


Aber es gibt Dinge, die einen echten Unterschied machen – ohne Mehraufwand.


Ein Satz, der alles verändert: „Ich glaube Ihnen, dass Sie das so erleben." Nicht Zustimmung. Nicht Kapitulation. Nur Anerkennung, dass die Wahrnehmung der Eltern real ist.

Eine Frage, die öffnet: „Was beobachten Sie zu Hause, das ich vielleicht noch nicht sehe?" Diese Frage lädt ein. Sie signalisiert: Ich bin neugierig, nicht fertig mit meiner Einschätzung.

Eine Deutung, die neu ansetzt: Wenn ein Kind bei selbst gewählten Themen stundenlang konzentriert ist, aber im Unterricht abschaltet, dann ist das kein Konzentrationsproblem. Es ist ein Hinweis auf Unterforderung. Diese eine Umdeutung, internalisiert, verändert wie man ein Kind sieht.


Brücken bauen – was möglich wäre

Ich habe in meiner Arbeit erlebt, was passiert, wenn Eltern und Lehrkräfte wirklich zusammenarbeiten. Wenn beide das Gefühl haben, gehört zu werden. Wenn die Energie, die vorher in Konflikte geflossen ist, plötzlich für das Kind frei wird.


Es ist nicht immer möglich. Manchmal sind Systeme zu träge, Klassen zu groß, Ressourcen zu knapp. Das ist real, und ich sage das ohne Zynismus.


Aber manchmal reicht ein Gespräch, das anders beginnt. Ein Moment echter Neugier. Ein Satz, der signalisiert: Ich sehe dein Kind. Nicht nur sein Verhalten.


Das ist es, was Eltern sich wünschen.


Nicht Perfektion. Nicht Wunderlösungen. Nur das Gefühl, dass da jemand ist, der wirklich schaut.


Häufige Fragen

Gilt dieser Beitrag nur für hochbegabte Kinder mit Diagnose?

Nein. Viele der Wünsche, die Eltern äußern, sind universell – sie betreffen alle Kinder, die irgendwie aus dem Rahmen fallen. Eine Diagnose ist kein Voraussetzung dafür, dass ein Elterngespräch anders geführt werden darf. Und oft kommen Eltern genau dann, wenn noch gar keine Diagnose vorliegt – weil sie das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt, aber noch keine Sprache dafür haben.


Ich bin Lehrkraft und fühle mich durch diesen Beitrag kritisiert. War das die Absicht?

Nein – und ich nehme dieses Gefühl ernst. Dieser Beitrag ist nicht aus einer anklagenden Haltung heraus entstanden, sondern aus dem Wunsch, eine Brücke zu bauen. Ich weiß, unter welchem Druck Lehrkräfte arbeiten. Ich kenne die Klassengröße, die Bürokratie, die fehlenden Ressourcen. Dieser Text richtet sich nicht gegen Lehrkräfte – er lädt ein, eine andere Perspektive einzunehmen. Ob und wie das möglich ist, liegt immer im Ermessen des Einzelnen.


Was kann ich als Elternteil tun, wenn Gespräche immer wieder scheitern?

Erstens: dokumentieren. Was wurde besprochen, was wurde vereinbart, was ist passiert? Schriftlichkeit schützt. Zweitens: Verbündete suchen – Schulpsychologischer Dienst, Beratungsstellen für Hochbegabung, externe Coaches. Drittens: das eigene Kommunikationsrepertoire erweitern. Oft liegt der Schlüssel nicht darin, lauter zu werden, sondern anders zu sprechen. Genau dafür ist mein Ratgeber „Für mein Kind einstehen – ohne sich dabei zu verlieren"  entstanden.


Wie erkläre ich meiner Lehrkraft, was Hochbegabung wirklich bedeutet – ohne belehrend zu wirken?

Mit Fragen statt Aussagen. Statt: „Mein Kind ist hochbegabt und braucht mehr Förderung" lieber: „Ich beobachte zu Hause, dass mein Kind sehr schnell unterfordert ist – was sehen Sie im Unterricht?" Das lädt zur Zusammenarbeit ein, anstatt eine fertige Diagnose zu präsentieren. Menschen öffnen sich leichter, wenn sie das Gefühl haben, selbst zu entdecken – nicht belehrt zu werden.


Kann dieser Beitrag auch Lehrkräften helfen, die selbst mehr verstehen wollen?

Sehr gerne. Wenn du als Lehrkraft diesen Beitrag liest und mehr über Hochbegabung erfahren möchtest – mein eBook „Hochbegabung erkennen – Merkmale, Mythen & der Blick hinter das Verhalten" gibt dir einen kompakten, ehrlichen Einstieg. Ohne Fachchinesisch, ohne erhobenen Zeigefinger.


 
 
 

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